21.10.2022 | Dominik Steffan in:

Bioenergie als wesentlicher Erfolgsfaktor der Zeitenwende

Im Jahr 2021, das weithin von der Corona-Pandemie geprägt war und große Einschränkungen im öffentlichen Leben mit sich brachte, wurden 19,7 Prozent des deutschen Endenergieverbrauchs aus erneuerbaren Energien gedeckt. Bereits im Jahr davor hatte Deutschland mit einem Anteil von 19,3 Prozent sein unter der EU-Richtlinie zur Förderung erneuerbarer Energien festgelegtes Ziel von 18 Prozent übertroffen.
Um allerdings die zukünftigen ambitionierteren EU-Klimaziele zu erreichen und die Herausforderungen der „Zeitenwende“ in Europa zu bewältigen, wird ein deutlich schnelleres Wachstum der erneuerbaren Energien erforderlich sein.

Insgesamt wurde im Jahr 2021 eine Energiemenge von 467 Milliarden Kilowattstunden (Mrd. kWh) aus erneuerbaren Energieträgern gewonnen. Von dieser Energiemenge entfielen etwa 50 Prozent auf die Stromproduktion aus erneuerbaren Energiequellen, 43 Prozent auf den erneuerbaren Wärmesektor und 7 Prozent auf biogene Kraftstoffe im Verkehrsbereich. Im ersten Halbjahr 2022 wurden in Deutschland 263,2 Mrd. kWh Strom aus erneuerbaren Energien ins Netz eingespeist. Mit Blick auf das gesamte Jahr 2022 ist ein Anteil von 21 Prozent des deutschen Energieverbrauchs aus erneuerbaren Energien erreichbar.

Perspektivisch ist die Energieversorgung Deutschlands für Strom und Wärme mit 100 Prozent erneuerbaren Energien möglich, und zwar ohne jegliche Importe von Energie, also nur auf Basis von Ressourcen, die in Deutschland zur Verfügung stehen. Dazu gilt es jedoch politische Hürden zu überwinden und kontraproduktive Regularien zu beseitigen. So wird Deutschland noch lange Zeit ein Energieimportland bleiben – immer mit dem großen Ziel im Auge, zukünftig Strom und Wärme aus 100 Prozent erneuerbaren Energien zu gewinnen.

Biogas – der unterschätzte Energieträger

Strom, Gas oder Kraftstoff aus Biomasse gibt es schon seit Jahrzehnten. Doch jetzt könnte dieser Energieform eine viel größere Bedeutung als bisher zukommen.
Bislang hat Biomethan als aufbereitetes Biogas einen Anteil von gerade einmal einem Prozent am deutschen Gasmarkt. Doch dieser Anteil könnte mittelfristig auf rund drei Prozent steigen, wie aus einer Kurzstudie des Deutschen Biomasseforschungszentrums Leipzig und des Wuppertal Instituts hervorgeht. Aber auch ohne Aufbereitung zu Biomethan kann Biogas bei einer Vor-Ort-Verstromung zur flexiblen Stromproduktion mit Gasmotoren beitragen. Experten gehen sogar davon aus, dass sich bis zu 46 Prozent des durch Gaskraftwerke erzeugten Stroms durch Biogas decken lassen. Insgesamt könnte sich der Anteil von Biomethan am deutschen Gasmarkt verdreifachen. Manuel Maciejczyk, Geschäftsführer des Fachverbands Biogas e.V., ist sich sicher, dass sich die Gasimporte aus Russland mit Biogas mittelfristig um bis zu 30 Prozent und langfristig um bis zu 40 Prozent ersetzen lassen. Doch dafür müssten schnell neue Anlagen errichtet und die bestehenden Kapazitäten erhöht werden.

Die Versorgung mit erneuerbaren Energien darf nicht zum Spielball politischer Regulierung werden

Die Bundesregierung ist auf der Suche nach einem Ausweg aus der Energiekrise. Eine sichere Energieversorgung ohne Gas aus Russland ist das Ziel. Von neuen Gasterminals für verflüssigtes Erdgas (LNG), der Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken oder einer Fortführung der Kohleverbrennung ist oft die Rede. Die umweltfreundliche Energieform Biogas spielt bei den Überlegungen derzeit nur eine Nebenrolle. Dabei schlummert genau dort großes Potential. Aus diesem Grund ist es in der aktuellen Gaskrise sinnvoll, einen stärkeren Beitrag der erneuerbaren Energien anzustreben, um insbesondere russisches Erdgas zu ersetzen. So soll laut Wirtschaftsministerium insbesondere die Biogaserzeugung ausgeweitet werden, indem unter anderem die vorgegebene jährliche Maximalproduktion der Anlagen ausgesetzt wird. Sandra Rostek, Leiterin des Hauptstadtbüros Bioenergie, hatte die Äußerungen vom Bundeswirtschaftsminister als „mutmachendes und erfreuliches Signal“ begrüßt, aber auch auf zahlreiche Hürden bei der Umsetzung hingewiesen. Um möglichst viele Hindernisse aus dem Weg zu räumen, bedarf es aus Sicht des Fachverbandes Biogas vor allem Erleichterungen im Erneuerbare-Energien-Gesetz sowie im Bau- und Genehmigungsrecht. Wenn diese umgesetzt werden, könnten kurzfristig etwa 20 Prozent Leistung im aktuellen Biogasanlagenbestand zusätzlich mobilisiert werden, was insgesamt 19 Milliarden Kilowattstunden Gas, beziehungsweise sieben Milliarden Kilowattstunden Strom, zuzüglich Wärmeerzeugung, entspricht, so der Fachverband.

Gesetzliche Schranken reduzieren die Leistung

Zurzeit ist die Stromproduktion aus Biogasanlagen über die Höchstbemessungsleistung begrenzt, die mit dem EEG 2014 eingeführt wurde. Damals wollte die Bundesregierung unter anderem sicherstellen, dass einerseits mehr Pflanzen zur Nahrungsmittelproduktion geerntet werden, als zur finanziell lukrativen Energiegewinnung, und andererseits ein Anreizinstrument für bestehende Anlagen für eine flexiblere Fahrweise gegeben wird. Doch nun steckt Deutschland in einer Energiekrise, und die Biogas-Branche fordert, dass diese Bestimmungen gelockert werden sollen.

„Die aktuelle Situation zeigt anschaulich, wie dringend Deutschland auf den Beitrag von Biogas angewiesen ist“, sagte Alfons Himmelstoß gegenüber der MDR-Wirtschaftsredaktion. Himmelstoß ist geschäftsführender Gesellschafter einer Dresdener Firma, die sich seit 1996 mit der Herstellung von Biogas-Anlagen beschäftigt. „Damit sich die Branche weiterentwickeln kann, braucht sie stabile Rahmenbedingungen und nicht jedes Mal wieder neue Diskussionen, ob Biogas benötigt wird, wenn die Zeiten mal etwas ruhiger sind“, fordert er.

Großes Potential sieht Manuel Maciejczyk, Geschäftsführer des bundesweiten Fachverbands Biogas e.V., auch in der Errichtung von ganz neuen Biogasanlagen. Doch fordert er Maßnahmen der Regierung, damit sich die Energieerzeugung aus Biogas auch noch rentiert: „Der Bau und Betrieb einer Biogasanlage ist in den letzten Jahren so kompliziert, aufwändig und damit auch teuer geworden, dass es sich kaum noch lohnt. Hier muss wieder mehr Augenmaß kommen.“ Biogas ist seiner Meinung nach ein wichtiger Baustein zum Gelingen der Energiewende. Eine nachvollziehbare Sichtweise.

 

Textquellen:
destatis.de

Foto: © Countrypixel, Adobe Stock

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